Zweifel

ZweifelDiese Seite widme ich dem Thema Zweifel, etwas das es, so dachte ich lange, bei transsexuellen Menschen (ich wähle diese Bezeichnung, weil es eben auch die der Medizin und die geläufigste leider auch ist) nicht gibt. Man ist sich sofort sicher: “Hier bin ich falsch!” So ein Gefühl kannte ich als Kind aber nicht und so schloss ich schnell und messerscharf: Also bin ich nicht Transsexuell. Ein klassisches Bild wurde mir eingehämmert und damit die Angst, dass ich damit ein “Freak” bin. Und es gab eben Dinge die ich vermeiden wollte und Auffallen oder Freak-sein oder weiblich wirken, diese Dinge stand ganz oben auf der Liste. Ein Unwohlsein hat dann bedeutet, dass ich zu wenig trainiert habe, also wieder ab ins Studio… Gerade Empfindungen die mit meinem Körper zu tun hatten habe ich eher mit Traurigkeit, Unzufriedenheit oder Enttäuschtheit verbunden. Ich fand auch immer Frauen einfach schöner und so erklärte ich mir die Unzufriedenheit mit meinem Körper, dieses nicht-stimmige Gefühl.

Was löst also diese Zweifel, wenn man es doch langsam ahnt und spürt, aus? Nun erst mal steht hier die Sozialisierung gegen die eigene Empfindung. Vielfach höre ich dieses “Es nicht sein kann, was nicht sein darf” hier raus, aus Erzählungen oder ich hörte es völlig unabhängig damals von meinem Therapeuten. Es durchdringt und man will die Welt in Schubladen packen und dann passt man schließlich selber nicht mehr rein. Viele transidente Personen haben Jahre im falschen Geschlecht gelebt oder besser überlebt und die Hindernisse sind nicht gerade niedrig gelegt. Viele haben Angst und die hatte ich auch, wie das Umfeld reagiert, vor allem die Familie. Immer bevor ich so einen Schritt des z.B. Outings gewagt habe, waren die Zweifel davor deutlich größer. Trans-sein erfordert viel Mut und ist, um Svenja zu zitieren, nix für Weicheier. ;-)

Immer wieder muss man innehalten bei allem Druck den man spürt und man muss für sich verantworlich schauen, ob das richtig ist, was man tut, dann ist man wieder bereit und es werden einem Fristen und andere Formalitäten in den Weg gelegt. Leider ist der juristische wie der medizinische Weg, kein besonders individueller.

Ich habe es auch oft mit einer Probefahrt verglichen. Jeder der heute einen Neuwagen kauft wird die Möglichkeit nutzen eine Probefahrt zu machen. Diese Möglichkeit fehlt den transidenten Personen. Niemand weiß vorher, wie es sich anfühlt, wenn auf einmal das Testosteron fast weg ist und das Östrogen viel gewichtiger wird. Niemand weiß wie der eigene Körper reagiert, niemand kann sagen, was in 5 oder gar 10 Jahren ist. Es wird aber vom Trans*mensch erwartet, dass er sich sicher ist. Deswegen gibt es angeblich den Alltagstest, ein Probelauf. Es ist zu vergleichen mit schwimmen, schwimmen ohne Wasser, einfach auf dem Boden. Einige haben hier große Hemmungen und ein schlechtes Passing, gerade am Anfang, wo alles noch neu ist und die Versuchung groß die neu gekaufte Foundation mit zwei Anwendungen aufzubrauchen. ;-) Ein paar haben Glück, hier will ich mich nicht ausnehmen, was das Passing angeht. Ich kann immer sagen, ich bin bei Null und komme als Frau durch, doch ist das, was ich da als so natürlich empfinde schon alles? Sicher nicht, ich kann nur ahnen, es ist richtig, das mit dem Frau-sein in der Gesellschaft. Ich kenne einige transidente Personen die noch am Tag der Op drüber nachgedacht haben, ob es richtig ist oder sie diesen nutzlosen und unschönen Körperteil behalten sollten. Zweifel sind also wohl immer erlaubt, nur warum fordert man dann das von Trans*menschen, was man nicht mal beim Kauf eines Autos den Leuten abverlangen kann? Eine viel unbedeutendere Entscheidung also und auch viel leichter in den Konsequenzen zu ertragen.

Vielleicht weil man Sicherheit falsch verstehen mag, man kann sich nur sicher sein, dass man eine Frau ist und das körperliche -wie gesehen- wohl mögen würde an sich selber. Wie es sich letztlich anfühlt kann man nur wissen, wenn es so ist. Doch wieso muss man sich dann ein Jahr quälen? Wird man sicherer? Aus meiner Erfahrung definitiv ja, die Zweifel werden kleiner und was einmal in der Vorstellung unter Folter nicht aus mir heraus zu holen gewesen wäre, das sage ich hier heute in einem Blog. Ich bin transsexuell und für mich ist diese Erkenntnis gut und mir tut es gut diesen Weg zu gehen und ich sehe seit Jahren keinen anderen Weg und die Wege, die ich gesehen und erprobt habe, das waren Sackgassen. Es ist also irgendwann der Mut gefragt von der ausgebauten und beschilderten Straße runter auf den kaum genutzten Feldweg zu wechseln und wer hätte da keine Zweifel?

April 2013

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