Im Zug

Ich sitze gerade im Zug, hier kann ich bzw. muss ich immer etwas grübeln. Und so gehen mir gerade Gedanken durch den Kopf.

Wie will ich die nächsten Monate „überbrücken“? Was ist schlimmer, als Mann der feminine Attribute setzt aufzufallen oder als die „Transe“ aufzufallen. Die Antwort für den Worst-Case, wie der Numeriker sagt ist klar, doch warum fährt dann gerade Maya zum Arzt? Insgesamt wäre es doch anders viel einfacher und leider auch passender, wenn ich manchmal meinen eigenen skeptischen Blick im Spiegel sehe. Es ist der alte Gedankenkreisel, wenn ich doch nicht-transsexuell wäre, dann könnte alles so einfach sein. Die Antwort liegt eher im Empfinden und damit meine ich nicht einzelner Situationen, sondern im Gesamtbild. Es gibt viele Situationen die schwer sind (vor dem Outing, das Outing, nachdem Outing, der morgendliche Kampf mit dem Bartschatten, …, der abendliche Kampf mit dem Spiegel,…), doch im Allgemeinen bin ich viel entspannter und optimistischer, eigentlich ziemlich widersprüchlich. So sehe ich sogar im Zwangsouting bei der (Fahr-)Ausweiskontrolle etwas Schönes: Gerade warf die Dame mir erst einen skeptischen Blick zu… Dann lächelte sie. Also ging ich wohl zunächst als Frau durch. Fein! (Anmerkung: Mein Studienausweis/Fahrausweis lautet auf meinen männlichen Namen) Der Gedanke schießt mir durch den Kopf in dem Moment: Ich hoffe, dass die Hormonbehandlung etwas bei dem aufweichen der Gesichtszüge hilft. Leider ist das aber sehr individuell und von daher ist das nächste zum daran festklammern die Nadelepilation.

Das „transsein“ aber auch oft sehr viel Energie erfordert, mehr als ich mir meist zugestehen will, das merke ich immer dann, wenn ich mich wegen etwas schlecht fühle und ich überlege, ob es ebenso gelaufen wäre oder ich mich jetzt ähnlich fühlen würde, wenn ich es in meinem Männerego durchgezogen hätte. Ich sitze da und grüble vor mich hin, nur wird mir klar, selbst jetzt will ich nicht „schnell zurück“ und “einfach wieder Mann” sein. Abgesehen davon, dass ich damit nie besonders erfolgreich war, geschweige denn annähernd so stabil oder glücklich wie schon jetzt als „Alltagstest-Transfrau“. So merke ich, dass ich die schlechten Nachrichten von heute schneller verkraften kann als früher und meine Laune sich schon langsam wieder aufhellt. Schließlich lehrt mich die Erfahrung, es gibt immer einen Weg und das Leben ist immer für eine Überraschung gut.

Transsexualität kann anders betrachtet also auch zu einer Kraftquelle werden. Nur wenige Menschen brauchen täglich so viel Mut. Ich habe viel über mich gelernt und unter anderem, dass man immer wieder zurückblicken muss, man muss sich bewusst machen, was man bereits geschafft hat. Ein –tja wie nennen wir es(?), ein „Norm-sexueller“(?)-Mensch :-D muss niemals das aufbringen, was Transpersonen jeden Tag zumindest insbesondere am Anfang ihrer Reise auf sich nehmen müssen. Leider benötigt man den Mut eigentlich nur, weil Menschen das Thema nicht kennen oder einfach intolerant sind. Vielleicht verirrt sich jemand von denen hier her, die die meine Andersartigkeit bemerken und sich auf der Straße umdrehen müssen, weil sie nicht glauben können, dass da jemand seinen Weg geht. Sie selber und das sehe ich im Umfeld, haben einmal eine Bahn eingeschlagen und hatten dann zum Beispiel nach der Ausbildung nicht mehr den Mut etwas anderes zu versuchen oder noch mal auf Start zurückzugehen ohne die 2000€ einzuziehen (Monopoly ;-) ). Wie unfair muss das dann also in ihren Augen sein: Ich komme ihnen entgegen und sie registrieren, da traut sich jemand sein Leben zu leben. Jemand setzt sich über die engen Konventionen unserer Gesellschaft hinweg und sucht sich selbst ohne Rücksicht auf das ungeschriebene Regelwerk.

Eigentlich ist das doch etwas sehr besonderes, Menschen die Mut haben und andere Wege beschreiten. Transidentität erfordert dies, doch am Anfang ist es ein Kampf gegen das empfundene Ungeheuer in einem selbst und immer wieder begleitet von dem Blick in den Abgrund, in den man zu stürzen glaubt, wenn man den Weg beschreitet. Nicht wenige zerbrechen unter dem Druck. Man sollte also nie vergessen: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (Jenseits von Gut und Böse, Friedrich Nietzsche)

Nichts destotrotz gibt es Tage wo es mir zu viel wird. Man kann sich beherrschen, wenn man das will und wenn man Anstand hat, aber das können oder haben leider nicht alle und eine Fresse zu ziehen, als ob man gerade die Ostereier vom letzten Jahr gefunden hat, wenn man einen Menschen auf der Straße sieht, das ist frech und da überlege ich mir manchmal scheißfreundlich zu fragen: „Ist mit ihnen alles in Ordnung, sie sehen gerade so aus als ob sie sich gerade selbst im Spiegel gesehen haben?“, aber so frech bin ich dann doch nicht, doch das „Pfff“ konnte ich mir dann nicht verkneifen. Olle Zippe da! :-)

Über Maya

Hallo ich bin Maya, um genau zu sein bin ich das einerseits schon mein ganzes Leben und dann wiederrum erst seit März 2012. Ich will hier meine Erfahrungen niederschreiben und meinen Weg beschreiben, den ich gerade gehe. Zu Beginn meiner Suche, hatte ich viele Fragen, was andere Denken, was sie fühlen und was sie antreibt. Mir tat es gut, von anderen zu lesen und mir tat es gut so zu merken, dass ich nicht alleine bin. Leider gibt es nicht viele schöne Blogs, die meisten sind recht kurz oder an vielen Stellen oberflächlich oder einseitig. Ich versuche hier auch objektiv zu berichten und hoffe, dass ich damit anderen betroffenen Menschen helfen kann. Mehr über mich findet ihr auf der Seite "Über mich..."
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